Nirgends konnte ich mich so einsam fühlen wie in Berlin.  Ich wischte die beschlagene Fensterscheibe im Bus und schaute nach draußen. Ein Mann verließ ein Hotel durch die Drehtür, die sich noch lange hinter ihm weiterdrehte. Doch es kam niemand mehr heraus. Eine Stimme kündigte die Antwerpenerstraße als nächste Haltestelle an. Bis zu meinem Hotel in der Seestraße waren es noch einige Stationen.
Der Bus hielt und ein ganzer Pulk Leute stieg hinzu und verströmte einen Geruch von Regen und Herbstgewitter. Überhaupt hatte Berlin einen bestimmten Geruch. Im Wedding roch es nach U-Bahn und Schweiß, während es in Schöneberg nach Starbucks-Kaffee, Solarium und ausgedehnten Nächten roch. Eine Frau mit langen braunen Haaren fand noch einen Platz vor mir in die Reihe. Sie kramte in ihrer Tasche und holte ein Buch hervor. Mit einer schwungvollen Geste warf sie ihr Haar zurück, deren Enden nun ein Stück über die Sitzlehne hingen und begann zu lesen. Ich mußte an meine Mutter denken, die Annis langen Haare immer liebevoll bürstete. Meine dünnen Haare hingegen ließ sie immer kurz schneiden, damit sie später kräftiger werden sollten. Anni hatte alles, was mir fehlte. Als sie dann spurlos verschwand, war ich zuerst froh. Ich wollte damals wieder der Augenstern sein, wie mich meine Eltern nannten, bevor Anni geboren wurde. Seit der Sache mit Anni waren zwölf Jahre vergangen. Zwölf Ewigkeiten in denen ich meine Schuld jeden Tag in den Augen meiner Mutter sah. Ihre Suche nach Anni würde ihr Leben lang nicht aufhören, während ich nie suchte, sondern wartete.
Haltestelle Seestraße. Eigentlich hätte ich hier aussteigen müssen. Doch ich tat es nicht. Ich nahm mir vor, bis spätestens zum nächsten Stopp an der Turmstraße die Haarspitzen der Frau vor mir zu berühren. Vielleicht fühlten sie sich ja genauso an wie die Haare meiner Schwester.

An der Sylterstraße betrachtete ich meine groben, viel zu großen Hände. Keine Klavierspielhände, wie die von Anni. Ich schaute wieder nach draußen. Durch die beschlagenen Fenster sah alles so unwirklich aus. Ich hätte jetzt gern eine Zigarette geraucht. Wie immer, wenn ich an nichts dachte. Oder an mich und Berlin. Oder an meinen Vater, der immer meinte, wenn man sich mal verloren hatte,  sollte man dahin zurückkehren, wo man zuletzt zusammen war.

Draußen zogen Häuser, Parkplätze und Werbeplakate vorüber. Auf einem war ein großer Hase zu sehen und darüber stand der Name eines neuen Weichspülers: „Bunny“.

Nach irgendeinem Streit hatte mir Anni einmal eine Karte unter die Kinderzimmer-Tür geschoben. Darauf war ein Hase abgebildet, der sich mit beiden Pfoten die Augen zuhielt.  Die Überschrift „You make Bunny cry“ hatte Anni verändert. Sie schrieb ungelenk „Für Leni“ oben drüber, zwei Kreise als Doppelpunkt und setzte dann ihren Namen ein. „You make Anni cry“, las ich.  Meinen Anfangsbuchstaben schrieb sie in zwei geschwungenen Schleifen. Ein „N“ groß, und auf dem kleinen „i“ hatte sie wie immer einen kleinen Kringel gemalt.
An der Wittstocker Straße stieg ein Mann in den Bus, der sich gleich zu der Frau mit den langen Haaren setzte. Er roch nach Wedding, nach Zigarettenqualm und Bier und aus seinem MP-3-Player drangen Musikfetzen  bis zu mir herüber. Rechts, drei Reihen vor mir auf der anderen Seite am Fensterplatz, bemerkte ich eine junge Frau in einem karierten Mantel. Sie schaute abwesend aus dem Fenster. Eigentlich konnte sie nichts sehen, weil sie ihre beschlagene Scheibe nicht gewischt hatte. Nicht einmal ihr Gesicht spiegelte sich darin.
Als der Bus an der Turmstraße hielt und kurz darauf ruckartig wieder anfuhr, konnte ich kurz die Haarspitzen der Frau vor mir berühren.
Weich waren sie und dick.

An der Ecke Solingerstraße/Kölner Straße stieg eine Touristengruppe in den Bus.
Sie plapperten alle durcheinander und blieben im Gang stehen. Ich hatte keine Lust, sie zu beobachten, sondern schloß für einen kurzen Moment die Augen.
Ich stellte mir vor, Anni wäre noch da und ich hätte nicht diese Dinge gesagt, die ich damals sagte. Der Mann mit dem MP-3-Player und auch die Touristen stiegen bald aus.
Ich genoss wieder die beruhigenden Geräusche des fahrenden Busses. Ich träumte mir ein Leben mit meiner Schwester zurecht und fand den Weg zurück nach Hause.  Ich sagte nicht zu Leni:
„Ich wünschte, Du wärst tot“, sondern, „Ich wäre so gern wie Du“. Ich tastete nach dem kleinen Plastikhund in meiner Tasche. Die schwarze Farbe an Wum´s Ohren war schon etwas abgeblättert. Wendelin hätte ich zwar lieber besessen, aber den kleinen Elefanten mit dem Knoten im Rüssel hatte Anni für sich behalten.
Als sie verschwand, von einem Tag auf den anderen, suchte ich Wendelin in ihrem Zimmer. Ich fand ihn jedoch nicht.
Sie musste ihn wohl, genau wie ich meinen Wum, immer bei sich getragen haben.
Sie war nie mehr da, kam nie wieder und ich war auch nie mehr der Augenstern meiner Eltern.
Ich erschrak durch das Haltesignal. Der Bus hielt an der Bülowstraße Die Frau vor mir war fort und ich hatte es nicht einmal mitbekommen. Auch die Frau am anderen Fensterplatz war weg. Sie waren wie meine Schwester verschwunden. Einfach so. Der Bus fuhr wieder an und der Regen lief in schrägen Bahnen über die Fenster. Und dann entdeckte ich es. Am Fensterplatz, wo die Frau mit dem karierten Mantel gesessen hatte,  hatte jemand mit dem Finger etwas auf die beschlagene Scheibe geschrieben. Das L. war ganz schnörkelig mit zwei großen Schleifen gemalt, das „E“ war klein, das „N“ dagegen wieder groß geschrieben und auf dem kleinen „i“ war ein Kringel gezeichnet.
Am Ende des kleinen  „i“´s sammelte sich etwas Wasser, schwoll zu einem großen Punkt und rollte dann langsam das Fenster hinunter.

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